«Lie with Me»

Die schwule Lovestory mit Belmondo-Enkel Victor läuft bald beim Filmfestival Pink Apple.

Die Lovestory «Lie with Me» (arrête avec tes mensonges») war ein Highlight beim Londoner BFI-Flare – und wird Ende April auch beim «Pink Apple» zu sehen sein. Darauf kann man sich absolut freuen, nicht nur weil mit Victor Belmondo der attraktive Enkel des übercoolen Jean-Paul («A bout de souffle», «Ausser Atem») mitspielt. Erzählt wird die Geschichte eines erfolgreichen Autors, der nach Jahren seine Heimat besucht und sich dabei an seine ganz grosse Liebe erinnert.

Text Dieter Osswald

Eher widerwillig nimmt Erfolgsautor Stéphane Belcourt (Guillaume De Tonquédec) die Einladung eines Cognac-Herstellers an, zu dessen 200-Jahr-Jubiläum als Redner aufzutreten. Aber ein bisschen Abwechslung tut vielleicht ganz gut. Seine Beziehung ging gerade in die Brüche, der aktuelle Roman gerät ins Stocken und schliesslich war er seit Jahrzehnten nicht mehr in seiner Heimatstadt.

Verliebte Jungs

Kaum angekommen, holen ihn die Erinnerungen ein. Anno 1984 schwärmt er als zierlicher Siebzehnjähriger (Jérémy Gillet) von seinem coolen Mitschüler Thomas (Julien De Saint Jean). Der Mädchenschwarm mit Motorrad scheint unerreichbar für ihn. Doch dann steckt ihm ausgerechnet Thomas einen Zettel zu, um den verblüfften Stéphane an einem einsamen Ort heimlich zu treffen. Die Begegnung im verlassenen Schwimmbad wird dramatische Folgen für die beiden Jungs haben.

Zurück in der Gegenwart, bemerkt der Autor den jungen, umtriebigen Mitarbeiter des Cognac-Unternehmens. Lucas (Victor Belmondo) fährt nicht nur dasselbe Motorrad wie einst Thomas. Er stellt sich zudem als Sohn von Stéphanes grosser Liebe heraus. Von der Beziehung seines Vaters wisse er nichts, so sagt er. Auch die Bücher von Stéphane habe er nie gelesen, beteuert Lucas. Umgekehrt erzählt der Autor, dass Thomas lediglich ein Bekannter aus Schülertagen gewesen wäre.

Niemand darf davon etwas erfahren!

Wie sich die Wahrheit tatsächlich darstellt, entwickelt der Film wie ein Puzzlestück. Immer wieder geht der Blick zurück in die Vergangenheit. «Unser Bett ist unser Königreich», schwärmt der schwer verliebte Teenager. «Niemand darf davon etwas erfahren!», entgegnet das Objekt seiner Begierde.

Ein Hauch von «Call me by Your Name»

In der Gegenwart enthüllen sich immer mehr Geheimnisse um das Leben und die Liebe des prominenten Künstlers. Zugleich ist auch Lucas immer für Überraschungen gut. Mit souveräner Eleganz schlägt die Story wunderbare Haken. Mit grosser Glaubwürdigkeit erlebt man die Figuren auf ihrer emotionalen Achterbahn. Sehnsucht, Schuldgefühle, Sinnlichkeit – nicht selten fühlt man sich an «Call Me by Your Name» erinnert. Hier wie dort setzt die Schönheit der Landschaft den Kontrast zum Chaos der Gefühle. Wie Luca Guadagnino inszeniert Olivier Peyon intime Szenen mit flirrender Leidenschaft und kann sich auf charismatische Darsteller verlassen, zwischen denen die Chemie spürbar stimmt. Vom Coolness-Gen von Belmondo ganz zu schweigen.

Bei aller Dramatik kommt die Komik nicht zu kurz. Sei es, wie der Cognac-Baron sich umständlich für seine Homophobie zu entschuldigen versucht. Wie eine resolute Assistentin einen grossen Streit im Auto schlichtet. Oder die anzügliche Anekdote des Autors vor ahnungslosen Gästen im Fiasko endet.

Grossartige autobiographische Vorlage

Wie bei «Call Me» liegt bei «Lie with Me» ein Roman zugrunde. Für seine autobiografische Lovestory «Arrête avec tes Mensonges» wurde Philippe Besson mehrfach preisgekrönt. Wenn der nachdenkliche Stéphane nachts im alten Schwimmbad sitzt und plötzlich setzt sich eine grosse Überraschung neben ihn, geht ein kleines Raunen durch das Kino – das dürfte beim «Pink Apple» kaum anders sein.  

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Trailer arrête avec tes mensonges       

Pink Apple: Die Daten

ZÜRICH 25.4.–4.5.2023

FRAUENFELD 25.4.–4.5.2023